PRESSEMITTEILUNG

„Unsere Geduld ist ihre Macht. Aber unsere Geduld ist am Ende.“

Über 2000 Menschen demonstrieren gegen sexualisierte Gewalt – Rathaus erstrahlt in orange

Über 2000 Menschen sind dem kurzfristigen Aufruf von Victoria Schwertmann, Co-Vorsitzende des Grünen Regionsverbands, gefolgt und kamen am Mittwochabend am Küchengarten zusammen, um gegen sexualisierte Gewalt zu protestieren und für eine bessere, zeitgemäße Gesetzgebung zu kämpfen. Gemeinsam mit SPD, Linke, Volt, Grüner Jugend und CDU und vielen Initiativen und Vereinen wie Bunt statt Braun, dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, Omas gegen Rechts, dem Frauennotruf, Landesfrauenrat, Frauen für Gewaltschutz, Violetta und Sea Eye hatte sie die Veröffentlichung von Collien Fernandes und den mutmaßlich von ihrem Ex-Mann Christian Ulmen angefertigt und verbreiteten Deepfakes zum Anlass genommen, um schärfere Gesetze und einen besseren Schutz zu fordern. Erst am Montag wurde zu der Kundgebung aufgerufen, am Dienstag kündigte Ricarda Lang, Bundestagsabgeordnete und ehemalige Parteivorsitzende von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, ihre Unterstützung, sowie einen Redebeitrag am Küchengarten an. 

Neben Ausdrücken von Wut, Unverständnis und Ohnmacht haben einige Rednerinnen auch persönliche Erfahrungen von sexueller Gewalt geteilt, erzählten davon, wie sie sich teilweise mit therapeutischer Unterstützung zurück ins Leben gekämpft hatten, wie lange es dauerte, mittlerweile ohne Scham über das Erfahrene sprechen zu können. Die Menge zollte dieser Offenheit mit starkem Applaus ihren Respekt. Auch einige Künstlerinnen beteiligten sich mit ergreifenden Poetry Slams zum Thema an dem Protest. Parallel zu der Kundgebung erstrahlte das Neue Rathaus der Landeshauptstadt an diesem Abend in orange, der Farbe des Protests gegen Gewalt an Frauen.

„Verdammt noch mal, es reicht!“, eröffnete Victoria Schwertmann die Kundgebung. Der Fall von Gisèle Pélicot sei kein Einzelfall, er habe System. Er zeige, dass Gewalt nicht „von irgendwo“ komme, sondern oft aus dem engsten Umfeld. „Ihr Fall hat uns aufgerüttelt. Und jetzt haben wir die Chance, dass aus unserer Wut Veränderung wird!“, sagte Victoria Schwertmann und verwies auf den Gesetzentwurf, der am heutigen Donnerstag von der bündnisgrünen Fraktion in den Bundestag eingebracht werden wird. Auch Annika Döhne, Mitorganisatorin des Protests betonte: „Lasst uns ein lautes Zeichen nach Berlin senden, das sagt: Die Gesetze müssen sich ändern!“

„Vicky meldete diese Demo an und nur einen Tag darauf folgte die Schlagzeile: Ehemann tötet seine Frau in Barsinghausen. Die Tochter wurde lebensgefährlich verletzt. Ein weiterer Femizid, hier bei uns in der Region Hannover. Wir müssen es so benennen! Ich kann das alles nicht mehr. Ich will das alles nicht mehr“, so Sinja Münzberg, Grüne Kandidatin für die Regionspräsidentschaft, sichtlich bewegt am Mikrofon. „Dieser aktuelle Fall zeigt, wie wichtig es ist, dass wir heute hier stehen. Wir brauchen besseren Schutz für Frauen, die nötige Unterstützung für Frauenhäuser und Beratungsstellen. Wir können nicht zulassen, dass eine weitere Frau sterben muss, nur weil sie eine Frau ist. Jede einzelne Frau, die wir schützen können, ist es wert, dass wir alles für sie geben“, so Münzberg weiter. Die „Vision Zero – Keine Femizide in der Region Hannover“ ist ein zentraler Punkt im aktuellen Wahlprogramm der Partei. 

Ricarda Lang nahm neben der Politik auch die Inhaber der Plattformen in die Pflicht. „Sie verdienen an unseren Körpern, an unserem Leid. Sexualisierte Darstellung und Frauenhass bringen Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit schafft Klicks und Klicks bringen Profite für die Tech-Oligarchen. Wir müssen die Plattformen in die Verantwortung nehmen, wir müssen sie regulieren“, führte sie aus. Betonte aber auch: „Wir werden dafür sorgen, dass sich die Gesetze in den nächsten Wochen ändern. Denn unsere Geduld ist ihre Macht. Aber unsere Geduld ist am Ende.“

In der Debatte wird häufig Spanien als Vorreiterin in Sachen Gewaltschutz genannt. Dort gibt es unter anderem Spezialgerichte für Gewalt gegen Frauen mit geschultem Personal, ein elektronisches Täter-Monitoring und eine zentrale Datenbank, ein Risikobewertungssystem der Polizei, eine nationale Strategie gegen Gewalt sowie eine zentral erfasste Statistik zu Femiziden. In Deutschland ist „Femizid“ nach wie vor nicht einheitlich definiert, kein eigener Straftatbestand und kann daher auch nicht vollständig erfasst werden. Auch sind Prävention und Opferschutz nicht aufeinander abgestimmt, was viel zu häufig dazu führt, dass Behörden erst zu spät ins Handeln kommen.